Gedichte - Gott


Gedichte - Gott

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Thema Gott Apfel für Leserunden und Gedächtniseinheiten.


So kommet vor sein Angesicht,
mit Jauchzen Dank zu bringen;
bezahlet die gelobte Pflicht
und laßt uns fröhlich singen:
Gott hat alles wohl bedacht
und alles, alles recht gemacht!
Gebt unserm Gott die Ehre.

Johann Jakob Schütz

 

 

Großer Gott, wir loben dich

Großer Gott, wir loben dich,
Herr, wir preisen deine Stärke,
vor dir beugt die Erde sich
und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit,
so bleibst du in Ewigkeit.

Alles, was dich preisen kann,
Cherubim und Seraphinen,
stimmen dir ein Loblied an;
alle Engel, die dir dienen,
rufen dir in sel'ger Ruh':
"heilig, heilig, heilig!" zu.

Himmel, Erde, Luft und Meer,
sie verkündern deine Ehre;
der Apostel glänzend Heer,
der Propheten sel´ge Chöre
und der Märtyrer lichte Schar
lobt und preist dich immerdar.

Ignaz Franz

 

 

 

Brahma

Der rote Schläger denkt, daß er schlüge,
und der Erschlagene denkt, er sei erschlagen:
Sie wissen nicht, wie heimlich ich es füge,
daß alle Dinge mich im Innern tragen.

Für mich ist nah, was ferne und versunken;
Sonne und Schatten geben sich nichts nach;
Götter erscheinen mir, die längst entschwunden;
ein und dasselbe sind mir Ruhm und Schmach.

Wer mich verleugnet, kennt nicht seine Lage:
Wenn er mich flieht, bin ich, was ihn beschwingt;
ich bin der Fragesteller und die Frage;
ich bin das Lied, das der Brahmane singt.

Die Götter sehnen sich nach meinen Gründen,
den Heiligen Sieben laß' ich keine Ruh;
du, Liebender des Guten, wirst mich finden
und kehrst dem Himmel deinen Rücken zu.

Ralph Waldo Emerson

 

 

 

Ich trau auf deine Hand,
daß sie mich wohl behüte,
weil alle deine Güte
und Liebe mir bekannt,
und daß ein sich'rer Hort
das Unheil von mir wende.
O Herr, in deine Hände!
Dies sei mein letztes Wort.

Annette von Droste-Hülshoff

 

 

 

Mein Freund
verhalte dich nicht wie jener,
der an der Feuerstelle sitzt,
das Feuer erlöschen sieht und dann
vergebens in die kalte Asche bläst.
Gib die Hoffnung nie auf,
und verharre nicht in Verzweiflung
über das, was vergangen ist,
denn das Unwiederbringliche
zu beweisen ist die schlimmste
der menschlichen Schwächen.

Khalil Gibran

 

 

 

 

Allein Gott in der Höh sei Ehr
Und Dank für seine Gnade,
Darum daß nun und nimmermehr
Uns rühren kann kein Schade:
Ein Wohlgefall'n Gott an uns hat,
Nun ist groß' Fried' ohn' Unterlaß,
All' Fehd' hat nun ein Ende.

Wir loben, preisen, anbeten dich
Für deine Ehre, wir danken,
Daß du, Gott Vater ewiglich
Regierst ohn alles Wanken.
Ganz ungemessen ist deine Macht,
Fort geschieht, was dein Will hat bedacht;
Wohl uns des feinen Herren!

O Jesu Christ, Sohn eingeborn
Deines himmlischen Vaters,
Versöhner der, die warn verlorn,
Du Stiller unsers Haders,
Lamm Gottes, heiliger Herr und Gott,
Nimm an die Bitt von unsrer Not,
Erbarm' dich unser. Amen!

O Heiliger Geist, du höchstes Gut,
Du allerheilsamst Tröster,
Vor's Teufels Gewalt fortan behüt,
Die Jesus Christ erlöset
Durch große Marter und bittern Tod,
Abwend all unsern Jammer und Not!
Dazu wir uns verlassen.

Nikolaus Decius

 

 

 

Gebet

Ich sprach von dir als von dem sehr Verwandten,
zu dem mein Leben hundert Wege weiß,
ich nannte dich, den alle Kinder kannten,
für den ich dunkel bin und leis.

Ich nannte dich den Nächsten meiner Nächte
und meiner Abende Verschwiegenheit,
und du bist der, in dem ich nicht geirrt,
den ich betrat wie ein gewohntes Haus.
Jetzt geht dein Wachsen über mich hinaus:
Du bist der Werdenste, der wird.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Ich finde dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in dem Geringen
und in dem Großen gibst du groß dich hin...

Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,
daß sie so dienend durch die Dinge gehn:
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Alle, welche dich suchen,
versuchen dich.
Ich aber will dich begreifen,
wie dich die Erde begreift -
Ich will von dir keine Eitelkeit,
die dich beweist.
Ich weiß, daß die Zeit
anders heißt
als du.
Tu mir kein Wunder zulieb,
gib deinen Gesetzen recht,
die von Geschlecht zu Geschlecht
sichtbar sind.

Rainer Maria Rilke

 

 

Ernste Stunde

Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
ohne Grund weint in der Welt,
weint über mich.

Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
ohne Grund lacht in der Nacht,
lacht mich aus.

Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
ohne Grund geht in der Welt,
geht zu mir.

Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
ohne Grund stirbt in der Welt:
sieht mich an.

Rainer Maria Rilke

 

 


Was nah ist und was ferne,
Von Gott kommt alles her,
Der Strohhalm und die Sterne,
Das Sandkorn und das Meer.

Von ihm sind Büsch und Blätter
Und Korn und Obst, von ihm
Das schöne Frühlingswetter
Und Schnee und Ungestüm.

Matthias Claudius

 

 

 

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,
ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.
Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere;
Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort!

Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne?
Wer führt die Sonn' aus ihrem Zelt?
Sie kömmt und leuchtet und lacht uns von ferne,
Und läuft den Weg gleich als ein Held.

Vernimm’s und siehe die Wunder der Werke,
Die die Natur dir aufgestellt!
Verkündigt Weisheit und Ordnung und Stärke
Dir nicht den Herrn, den Herrn der Welt?

Christian Fürchtegott Gellert

 

 

 

Gott ist allezeit bereit –
aber wir sind sehr unbereit.
Gott ist uns nahe,
aber wir sind ihm ferne.
Gott ist drinnen,
wir sind draußen.
Gott ist in uns heimisch,
wir sind Fremde.

Meister Eckhart

 

 

Ins Leben schleicht sich das Leiden
wie ein heimlicher Dieb,
wir alle müssen scheiden
von allem was uns lieb.
Was gäbe es nicht auf Erden,
wer hielt den Jammer aus
wer möcht geboren werden,
hieltst du nicht droben Haus!
Du bists, der, was wir bauen
mild über uns zerbricht
daß wir den Himmel schauen -
darum so klag ich nicht.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

 

Die Sterne sind erblichen
Mit ihrem Goldnen Schein;
Bald ist die Nacht entwichen,
Der Morgen tritt herein.

Noch waltet tiefes Schweigen
Im Tal und überall;
Auf frisch getauten Zweigen
Singt nur die Nachtigall.

Sie singet Lob und Ehre
Dem hohen Herrn der Welt.
Der überm Land und Meere
Die Hand des Segens hält.

Er hat de Nächt' vertrieben,
Ihr Kindlein fürchtet nichts;
Stets kommt zu seinen Lieben
Der Vater allen Lichts.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben


 

 

 

Gott im Herzen

Niemand kann uns davon abhalten,
Gott überall, wohin wir auch gehen, mitzunehmen.

Niemand kann uns seinen Namen aus unserem Herzen stehlen,
wenn wir versuchen, unsere Ängste
und unsere Verzweiflung mit ihm auszugleichen,
um letztlich das Glück anzunehmen.

Wir brauchen ihn nicht nachts alleine
in der Kirche oder in der Moschee zu lassen.

Wir brauchen nicht eifersüchtig zu sein,
auf die Geschichten von Heiligen und berauschten Seelen,
die in ihrer feurigen Liebe, zum Freund entflammten.

Wir brauchen nicht unseren Geist um die Fähigkeit neiden,
Gott manchmal im Traum zu berühren,
da unsere schwieligen Hände, unsere offenen Augen,
unsere Worte, unser Mund
und unsere Schweißperlen auf der Stirn,
alle Gott nahe sein könnten…

Niemand kann uns daran hindern,
Gott überall mitzunehmen,
wohin wir uns auch wenden.

Niemand kann uns Gott nehmen,
der im Rhythmus unserer Schritte,
in unserem Atem
und in unserem Herzen weilt…

Hafis (Ḥāfeẓ)

 

 

Möchtest du sein Flüstern hören?
Verschließe dein Ohr für andere Töne.
Möchtet du, daß er zu dir rede?
So schweige
Soll er sich für dich regen?
Sei still.

Eva von Tiele-Winckler

 

 

 

Ich folge Gott
ich will ihm ganz genügen.
Die Gnade soll im Herzen
endlich siegen.
Ich gebe mich;
Gott soll allein und unbedingt
mein Herr und Meister sein.

Gerhard Tersteegen

 

 


Wie die zarten Blumen willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
laß mich so
still und froh
deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen.

Gerhard Tersteegen
 

 

 


Was genannt mag werden
droben und auf Erden,
alles reicht nicht zu.
Einer kann mir geben
Freude, Ruh und Leben;
Eins ist not, nur du!

Gerhard Tersteegen

 

 

 

Gott ist in der Mitte.
Alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt,
wer ihn nennt,
schlag die Augen nieder;
kommt, ergebt euch wieder.

Gerhard Tersteegen

 

 

 

Gib mir ein Auge, wie die Sonne klar,
und mache mir dein Wesen offenbar.
Gib einen Geist mir, wie die Lüfte frei,
damit ich nur in dir gebunden sei.
Gib einen Glauben mir, wie Felsen fest,
der sich von keinem Sturm erschüttern läßt.
Und gib ein Herz mir, wie die Quelle rein,
und tauche tief mich in die Fluten ein.

Julius Karl Reinhold Sturm

 

 

 

In jenen düsteren Formen
Waltet keine blinde Macht,
Über Sonnen, über Sternen
Ist ein Vateraug, das wacht.
Keine finstem Mächte raten
Blutig über unsre Taten,
Sie sind keines Zufalls Spiel.
Nein, ein Gott, ob wir's gleich leugnen,
Führt sie, wenn auch nicht zum eignen,
Immer doch zum guten Ziel.

Ferdinand Raimund

 

 

 

Treuer, heiliger Gott und Vater!
Verleihe mir Vernunft, dich zu erkennen,
Gefühl, dich zu spüren,
Geist, dich zu verstehen.
Gib mir Eifer, dich zu suchen,
Weisheit, dich zu finden,
Verlangen, dich zu lieben.
Schenke mir ein Herz, das über dich nachdenkt,
und Taten, die dich groß machen.
Gib mir Augen, dich zu sehen,
Ohren, dich zu hören,
eine Zunge, dich zu verkündigen,
Gewähre mir Geduld, auf dich zu warten,
deine heilige Gegenwart,
ein seliges Ende
und das ewige Leben.

Benedikt von Nursia

 

 

Gott, der durch ein Wort: Es werde!
Aller Himmel Himmel Pracht,
Stern’ und Sonnen, Mond und Erde,
Glut und Flut hervorgebracht!
Alle Tropfen in den Bächen,
Ja sogar im tiefen Meer,
Hör’ ich gleichsam rauschend sprechen:
Nur von Gott kommt alles her;
Ihm allein sei Preis und Ehr!

Barthold Hinrich Brockes

 

 

 

Er hilft aus der Not,
der treue Gott,
er tröst’ die Welt ohn Maßen.
Wer Gott vertraut,
fest auf ihn baut,
den will er nicht verlassen.

Albrecht Prinz von Preußen

 

 

 

Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohren kehr zu mir
Und meiner Bitt sie öffen.
Denn so du willst das sehen an,
Was Sünd und Unrecht ist getan,
Wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
Die Sünden zu vergeben.
Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann,
Des muß dich fürchten jedermann
Und deiner Gnaden leben.

Darum auf Gott will hoffen ich,
Auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich
Und seiner Güte trauen,
Die mir zusagt sein wertes Wort,
Das ist mein Trost und treuer Hort,
Des will ich allzeit harren.

Und ob es währt bis in die Nacht
Und wieder an den Morgen,
Doch soll mein Herz an Gottes Macht
Verzweifeln nicht noch sorgen.
So tu Israel rechter Art,
Der aus dem Geist erzeuget ward,
Und seines Gotts erharre.

Ob bei uns ist der Sünden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnaden;
Sein Hand zu helfen hat kein Ziel
Wie groß auch sei der Schaden.
Er ist allein der gute Hirt,
Der Israel erlösen wird
Aus seinen Sünden allen.

Martin Luther

 

 

 

Es kennt der Herr die Seinen
und hat sie stets gekannt,
die Großen und die Kleinen
in jedem Volk und Land.
Er läßt sie nicht verderben,
er führt sie aus und ein;
im Leben und im Sterben,
sind sie und bleiben sein.

Karl Johann Philipp Spitta

 

 

 

Nun preiset alle
Gottes Barmherzigkeit!
Lob ihn mit Schalle,
werteste Christenheit!
Er läßt dich freundlich zu dir laden,
Freue dich Israel, seiner Gnaden!

Apelles von Löwenstein

 

 

 

Du bist mir lieb

Du bist mir lieb. Wie jene stille Stunde,
– Der Frühling streifte kaum den Gartenrand –
In der ein Wort, gehaucht von deinem Munde –
Bis übers Grab mein Herz an deines band,
Bist du mir lieb.

Du bist mir lieb wie meiner Seele Hoffen,
Daß Gott zum Lichte seine Völker lenkt;
So wie mein Glaube, daß ins Herz getroffen
Die alte Nacht schon ihre Flügel senkt
Bist du mir lieb.

Die bist mir lieb wie stiller Glanz der Sterne,
Der niedergrüßt in ahnungsvoller Pracht;
Wie meiner Lebenstage heit're Ferne,
Aus der mir reiches Glück entgegenlacht,
Bist du mir lieb.

Du bist mir lieb wie meines Liedes Tönen,
Wie meines Namens gern vernomm'ner Klang:
Wie die verborg'ne Thräne, die aus schönen
Jungfrauenaugen lockte mein Gesang,
Bist du mir lieb.

Du bist mir lieb wie jene Hand voll Erde,
Die bald in Frieden hält mein Herz bedeckt;
So wie er selber, der mir sprach mein "Werde",
Der mich zu Grabe ruft und wieder weckt,
Bist du mir lieb.

Alexander Julius Schindler

 

 

Der Vater ewig in Ruhe bleibt,
Er hat der Welt sich einverleibt.

Der Sohn hat Großes unternommen:
Die Welt zu erlösen, ist er gekommen;
Hat gut gelehrt und viel ertragen,
Wie das [?] noch heut in unsern Tagen.

Nun aber kommt der heilige Geist,
Er wirkt am Pfingsten allermeist.
Woher er kommt, wohin er weht,
Das hat noch niemand ausgespäht.
Sie geben ihm nur eine kurze Frist,
Da er doch Erst' und Letzter ist.

Deswegen wir treulich, unverstohlen
Das alte Credo wiederholen:
Anbetend sind wir all' bereit
Die ewige Dreifaltigkeit.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

 

Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als sein Ruf.
Das Wort der ew'gen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs Neue
so, wie ein Jünger hört.

Jochen Klepper

 

 

Nur dich!

Ein Gedicht an unseren Schöpfer!

Am Himmel erstrahlt die Sonne,
wie Du in meinem Leben.
Ich spüre die Wärme der Liebe.
In Deiner Liebe schmelzen Hader
und Zwietracht dahin.

Der Klang deines Rufes
durchdringt mich tief.
Das Herz in meiner Brust
ruft nach Dir – die Sehnsucht wächst.

Höre mich,
denn ich rufe nach Dir.
Du allein mußt meine Bitte hören.
Wen soll ich rufen, wenn nicht Dich?
Kein anderer wird mich hören.

Beglücke mich mit nichts Geringerem.
Halte mich ganz fest mit den Fasern der Liebe,
denn diesmal suche ich nichts anderes –
nur Dich.

Unbekannt

 

 

Immer dann,
wenn die Liebe nicht ganz reicht,
wünsche ich Dir Großherzigkeit.
Immer dann,
wenn Du verständlicherweise auf Revanche sinnst,
wünsche ich Dir Mut zum Verzeihen.
Immer dann,
wenn sich bei Dir das Mißtrauen rührt,
wünsche ich Dir einen Vorschuß an Vertrauen.
Immer dann,
wenn Du mehr haben willst,
wünsche ich Dir die Sorglosigkeit der Vögel des Himmels.
Immer dann,
wenn Du Dich über die Dummheit anderer ärgerst,
wünsche ich Dir ein herzhaftes Lachen.
Immer dann,
wenn Dir der Kragen platzt,
wünsche ich Dir tiefes Durchatmen.
Immer dann,
wenn Du gerade aufgeben willst,
wünsche ich Dir Kraft zum nächsten Schritt.
Immer dann,
wenn Du Dich von Gott und der Weit verlassen fühlst,
wünsche ich Dir eine unverhoffte Begegnung,
ein Klingeln an der Haustür
Immer dann,
wenn Gott für Dich weit weg scheint,
wünsche ich Dir seine spürbare Nähe.

Unbekannt

 

 

Gott, gibt es Dich wirklich?

Das Kind flüstert: "Gott, sprich zu mir"
Und eine Wiesenlerche sang.
Aber das Kind hört es nicht.

Da rief das Kind: Gott sprich zu mir!"
Und der Donner grollte am Himmel.
Aber das Kind hörte nicht.

Das Kind schaute sich um und sagte:
"Gott laß mich dich sehen"
Und ein Stern leuchtete hell.
Aber das Kind bemerkte es nicht.

Und das Kind schrie:
"Gott zeig mir ein Wunder!"
Und ein Leben wurde geboren,
aber das Kind wußte nichts davon.

Verzweifelt weinte das Kind:
"Berühre mich Gott, und laß mich
wissen, daß du hier bist!"

Daraufhin reichte Gott nach unten
und berührte das Kind.
Aber das Kind wischte den Schmetterling ab
und ging unwissend davon.

Unbekannt

 

 

In das Dunkel Deiner Vergangenheit
und in das Ungewisse Deiner Zukunft,
in den Segen Deines Helfens
und in das Elend Deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage: ich bin da.

In das Spiel Deiner Gefühle
und in den Ernst Deiner Gedanken,
in den Reichtum Deines Schweigens
und in die Armut Deiner Sprache
lege ich meine Zusage: ich bin da.

In das Gelingen Deiner Gespräche
und in die Langeweile Deines Betens,
in die Freude Deines Erfolges
und in den Schmerz Deines Versagens
lege ich meine Zusage: ich bin da.

In die Enge Deines Alltags
und in die Weite Deiner Träume,
in die Schwäche Deines Verstandes
und in die Kräfte Deines Herzens
lege ich meine Zusage: ich bin da.

Unbekannt

 

 

Pausengespräch mit Gott

Du, Gott,
Du schenktest uns das All,
und auf der Erde
eine Weile.
Durch Deine Allmacht
leben wir,
von Deiner Güte
zehren wir,
in Deiner Hand
sind wir geborgen.
Wir danken Dir,
daß Du uns wolltest
und wir
Dir zugehören dürfen.

Unbekannt

 

 

Herr, deine Liebe ist wie Feuer,
das unsere Herzen von neuem erfaßt!
Deine Liebe ist geduldig,
deine Liebe eifert nicht.
Deine Liebe ist Erbarmen,
sie ist Wahrheit und ist Licht.
Daran wird die Welt erkennen,
daß wir deine Jünger sind,
wenn wir uns von Herzen lieben
und dich, Vater, wie ein Kind.
Deine Liebe, die ist teuer,
denn du gabst sie für die Welt.
Deine Liebe ist das Feuer,
das uns reinigt und erhellt.

Unbekannt

 

 

 

 

Prooemion

Im Namen dessen, der sich selbst erschuf,
Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
In seinem Namen, der den Glauben schafft,
Vertrauen, Liebe, Tätigkeit und Kraft;
In jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt:
Soweit das Ohr, soweit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das ihm gleicht,
Und deines Geistes höchster Feuerflug
Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug;
Es zieht dich an, es reißt dich heiter fort,
Und wo du wandelst, schmückt sich Weg und Ort;
Du zählst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit.
Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
Sodaß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt.
Im Innern ist ein Universum auch;
Daher der Völker löblicher Gebrauch,
Das jeglicher das Beste, was er kennt,
Er Gott, ja seinen Gott benennt,
Ihm Himmel und Erden übergibt,
Ihn fürchtet, und womöglich liebt.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

O Welt, sieh hier dein Leben
am Stamm des Kreuzes schweben,
dein Heil sinkt in den Tod!
Der große Fürst der Ehren
läßt sich willig beschweren
mit Schlägen, Hohn und Spott.

Paul Gerhardt

 

 

 

Lobet den Herren
alle, die ihn ehren;
laßt uns mit Freuden
seinen Namen singen
und Preis und Dank
zu seinem Altar bringen.
Lobet den Herren!

Paul Gerhardt

 

 

 

Du meine Seele singe,
wohlauf und singe schön dem,
welchem alle Dinge
zu Dienst und Willen stehn!

Ich will den Herren droben
hier preisen auf der Erd;
ich will ihn herzlich loben,
solang ich leben werd.

Paul Gerhardt

 

 

In allen meinen Taten
laß ich den Höchsten raten,
der alles kann und hat,
er muß zu allen Dingen,
soll's anders wohl gelingen,
selbst geben Rat und Tat.

Paul Fleming

 

 

Der Schutzengel

Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,
wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen
ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.
Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,
und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen, -
du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,
der dich ergänzt in glänzendem Relief.

Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.
Du bist der Anfang, der sich groß ergießt,
ich bin das langsame und bange Amen,
das deine Schönheit scheu beschließt.

Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,
wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien
und wie Verlorengehen und Entfliehn, -
da hobst du mich aus Herzensfinsternissen
und wolltest mich auf allen Türmen hissen
wie Scharlachfahnen und wie Draperien.

Du: der von Wundern redet wie vom Wissen
und von den Menschen wie von Melodien
und von den Rosen: von Ereignissen,
die flammend sich in deinem Blick vollziehn, -
du Seliger, wann nennst du einmal Ihn,
aus dessen siebentem und letztem Tage
noch immer Glanz auf deinem Flügelschlage
verloren liegt...
Befiehlst du, daß ich frage?

Rainer Maria Rilke

 

 


Mache, daß ich so fest vereinigt werde mit Dir:
Wie ein Siegel mit dem Briefe, daß, wenn man das Siegel
herunterhaben will, man den Brief mit zerreißen muß;
daß, wenn ich von Dir getrennt werden sollte,
man uns eben zerreißen müßte,
daß uns auch kein Todesbann ewiglich mehr trennen kann.
So setze mich einmal auf Dein Herz!
So nimm mich auf Deinen Arm!
Umfasse mich nicht nur, sondern halte mich!
Grabe dich ein! Bleibe hängen!
Laß mich nicht wieder los!

Hugo von Hofmannsthal

 

 

"Seid wachsam",
sagt der Herr –
und wir postieren Wachen
vor unseren Kirchen.
"Öffnet dem Herrn die Tür,
wenn er kommt",
sagt der Herr –
und wir richten feste
Öffnungszeiten ein.
Wir sind auf alles gefaßt:
Bettler, Obdachlose, Päpste,
Honoratioren, Touristen,
Gottesdienstbesucher. –
Nur nicht darauf, daß er
wirklich kommt.
Das brächte uns glatt aus
der Fassung!

Unbekannt
 

 

 

Wir brauchen Menschen voll Kraft und Mut,
Menschen, geläutert in heiliger Glut,
Trutzig wie Helden in Kampf und Streit,
Still und geduldig in Not und Leid.

Wir brauchen Menschen wie Bergluft klar,
Die bis ins Innerste treu und wahr,
Menschen, in deren Augen das Licht
Des offenen Himmels sich strahlend bricht.

Wir brauchen Menschen, an Gott gebunden,
Die durch viele Tode sich selbst überwunden;
Sonnenmenschen, die wortlos uns segnen,
In deren Wesen wir Gott begegnen.

Wir brauchen Menschen, von Liebe erfüllt,
In Ehrfurcht und Demut zum Dienst gewillt;
Menschen, die glaubend Notwendiges wagen,
Von Gottes-Erkenntnis getragen.

"Wo sind diese Menschen?", hör ich fragen.
"O Seele, gib mir Kraft in allen Lagen,
Damit dein Licht die Schatten klärt,
Die Finsternis, die dein - mein - Leiden nährt.

Gib mir den Mut, den Abgrund einzusehen,
Sicher meinen schmalen Pfad zu gehen,
Höchstes mit Tiefstem zu verbinden,
Vereint in Gott mich selbst zu finden."

Blick nicht um dich, hör in dich hinein,
Du sollst selbst einer von denen sein.
Die in die Quellen des Lebens tauchen,
Ein Mensch zu werden - wie wir ihn brauchen.

Unbekannt
 

 

 

 

Sterbende

Flogest aus nach Sonn und Glück,
Nackt und schlecht kommst du zurück.
Deutsche Treue, deutsche Hemde,
Die verschleißt man in der Fremde.

Siehst sehr sterbebläßlich aus,
Doch getrost, du bist zu Haus.
Warm wie an dem Flackerherde
Liegt man in der deutschen Erde.

Mancher leider wurde lahm
Und nicht mehr nach Hause kam -
Streckt verlangend aus die Arme,
Daß der Herr sich sein erbarme!

Heinrich Heine

 

 

 

Geh mit dem Geist der Eule,
der wird für dich sehen.

Geh mit dem Geist des Habichts,
der dich beschützen wird.

Geh mit dem Geist des Adlers,
der wird dich hinaufbringen
zu dem Vater, der dich erwartet.

Unbekannt

 

 

 

 

Zu wem sollte ich rufen Herr,
zu wem meine Zuflucht nehmen,
wenn nicht zu dir?
Alles, was nicht Gott ist,
kann meine Hoffnung nicht erfüllen,
Gott selbst verlange und suche ich;
an dich allein, mein Gott, wende ich mich,
um dich zu erlangen.
Du allein hast meine Seele erschaffen können,
du allein kannst sie aufs neue erschaffen,
du allein hast ihr dein Bildnis einprägen können;
du allein kannst sie umprägen
und ihr dein ausgelöschtes Antlitz wieder eindrücken,
welches ist Jesus Christus,
mein Heiland, der dein Bild ist
und das Zeichen deines Wesens.

Blaise Pascal

 

 

 

 

Aber flüchtet aus der Sinne Schranken
In die Freiheit der Gedanken,
Und die Furchterscheinung ist entflohn,
Und der Enge Abgrund wird sich füllen;
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.

Johann Christoph Friedrich von Schiller
 

 

 

Kirschblüte bei der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
in kühler Nacht beim Mondenschein;
ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein.
Es schien, als wär ein Schnee gefallen;
ein jeder, auch der kleinste Ast,
trug gleichsam eine rechte Last
von zierlich weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
- indem daselbst des Mondes sanftes Licht
selbst durch die zarten Blätter bricht -
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
was Weißres aufgefunden werden.
Indem ich nun bald hin, bald her
im Schatten dieses Baumes gehe,
sah ich von ungefähr
durch alle Blumen in die Höhe
und ward noch einen weißern Schein,
der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,
fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
von einem hellen Stern ein weißes Licht,
das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergötze,
dacht ich, hat er dennoch weit größre Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

Barthold Hinrich Brockes

 

 

 

Meinem Vater

Du leichter Schatten, Wolkenschmetterling,
Ich fühle dich an meinen Wimpern hängen.
Der schwarze Schmerz, das dunkle Ding,
Begeistert mich zu strahlenden Gesängen.

Erhebt euch, Brüder, tanzt mit meinem Wort,
Ich will die Verse schön wie Frauenfüße setzen.
Ach, ich bin hier und dort
Von Sternen nur ein Pfützenglanz, vom Himmel nur ein Fetzen.

Ich deck mit diesem Tuche meine Blöße,
Nackt wandelt nur mein Kamerad, der Tod.
Er achtet mein Gesetz. Ich diene seiner Größe
Und opfre knieend ihm im Morgenrot.

Ich habe nie vermeint, mich selber zu erkennen.
Ich drehte oft am Karrn das fünfte Rad.
Zu Asche muß sich brennen
Die Flamme Mensch, die Gott entzündet hat.

Entzündet hat sie Gott, das Weib soll sie behüten.
Sie aber stellt das Feuer in den Wind.
Der bläst zu Rauch die roten Blüten
Der Mannheit, die wie Hyazinthen sind.

Ein jeder ist von einer Frau geboren,
Die einst ein Mann in seine Arme nahm.
Die Perlenkette reißt. Die Perlen sind verloren.
Und keiner kehrt zurück, woher er kam.

Und wünschte mancher, seiner Mutter
Im Mutterleib verstorbner Sohn zu sein.
Nun treibt es ihn wie einen steuerlosen Kutter
Ins blaue Meer der Menschlichkeit hinein.

Laßt uns die Segel nach den Winden hissen!
Und achtet auf der Möven Flug!
Sie ahnen nicht: sie wissen…
Und ihnen dünkt ihr weißes Sein genug…

Wer schließt das Herz bei göttlichen Gebeten,
Wer schließt die Augen, wenn die Sonne steigt?
Ich hasse euch, ihr höllischen Asketen,
Den grauen Kutten finster zugeneigt.

Ich schließe meine Blicke nur im Kusse,
Wenn das Entzücken tief ins Innre dringt
Und rauschend, gleich dem heiligen Flusse,
Aus Felsgestein die selige Quelle springt.

Da blinkt erhellt die magische Laterne,
Die uns verzaubert zu den Schatten schickt.
Die Nähe scheint zu nah, es scheint zu fern die Ferne,
Und nur der weise Wunsch beglückt.

Wir sind nicht Schatten mehr. Wir wurden zu Gestalten.
Der Töpfer knetet uns aus Ton.
Er meißelt in die Stirn uns dürre Falten
Und stellt uns auf den Markt für Hundelohn.

Wie können wir uns dieses Zwanges wehren?
Sieh: dieser Henkel hier am Krug von Lehm,
In dem wir das erstarrte Handwerk ehren,
Schlang sich als Arm um einen Nacken ehedem.

Du, der Du bist von keinem Mann gezeugt
Und der wie Duft steigt aus dem Saft der Reben:
Beug Dich vor mir, wie sich mein Knie vor Deinem Wahnsinn beugt.
Vergieb uns, wie wir Dir vergeben!

Ich bin kein Freund der funkelnden Moscheen,
Einsam such ich in Schenken meine Ziele.
Wann würde ich Dein wahres Antlitz sehn,
Wenn nicht im Weibesangesicht die Maske fiele?

Ich bin, o Gott, dein treuester Vasall,
Ich bin, o Geist, dein wildester Rebelle.
Ich bin dein Ziegenhirt, dein Seneschall,
Ich bin dein Fels, dein Turm und deine Schelle.

Ich bin der Tugend Glanz, des Lasters Stank.
Ich bin dein Priester und dein Trunkenbold.
Ich bin dein Fluch, dein Traum und dein Gesang,
Ich will, o Gott, weil du mich einst gewollt.

Du hast das Mahl für deinen Gast bestellt,
Pastete, Wein, Geflügel, die mich kirrten.
Ich hoffe, daß du auch in einer andren Welt
Den Fremdling gleichermaßen wirst bewirten.

Denn leugne nicht: ich bin dir fremder als
Die Krüge, die dort auf dem Bordbrett lehnen,
Und dennoch lieg ich weinend dir am Hals,
Und du, du segnest meine Tränen.

Ich kam, o Gott, zu spät auf diese Welt.
Ich darf mit Vorsicht nur noch Mensch mich nennen.
Ich bin ein abgemähtes Feld,
Auf dem die letzten Erntefeuer brennen.

Du fragtest nicht nach meinem Leid und Glück,
Und ob ich alles dies erdulden möchte.
Du stießest in den Urwald mich zurück,
Daß ich aus Palmenfasern mir mein Lager flöchte.

Dies Lager ist kein Teppich des Gebets.
Der Rücken schmerzt. Es fiebern die Gelenke.
Tönt abendlich der Sang des Minarets,
Streb ich bezaubert in die Schenke.

Ich neige bei der Frauen monotonen
Gesängen meine graugepflügte Stirn.
Ich weiß, wir armen Menschen wohnen
In einer Wildnis, die wir nicht entwirrn.

Ich will wohl brünstig an das Höchste glauben,
Wenn mir das Schicksal nicht den Glauben wehrt.
Doch rechne ich mich zu den Stumm- und Tauben,
Wenn mich ein Mörder ewiges Leben lehrt.

Einst floß die Sintflut über unsren Leibern,
Jetzt überfällt uns eine Flut von Wein.
Verschlaf des Lebens Nacht bei schönen Weibern
Und sauf, so wirst du deiner ledig sein.

Wie Ambra duften, Mädchen, deine Locken,
Und deine Lippen sind wie Blumen sanft.
Dein Haar steht gelb wie reifer Roggen
An deiner Stirne lilienweißem Ranft.

Jetzt will ich nur noch deinen Nacken küssen,
Der leichte Flaum ist doch wie blondes Schwert.
Ich habe immer Frauen lieben müssen,
Die ihre Wimpern dumpf zum Licht gekehrt.

Ich rannte kreuz und quer durch dieses Leben,
Ich sah zur Sonne und zum Mond.
Ich klebte fliegenklein in Spinnenweben
Und hab in Höhlen krötenfeucht gewohnt.

Doch sah ich nie Geschöpfe, die dir glichen,
O vierzehnjährige Frau!
Der Morgen ist vor deinem Glanz erblichen,
Mit deinen Tränen weint der Abendtau.

Vor deinem Wuchs krümmt sich die schlanke Fichte,
Vor deiner Weißglut scheint die Sonne kalt.
Mein Antlitz spaltet sich in viel Gesichte,
Und jedes spiegelt mich als Mißgestalt.

Und doch, wie viele Mädchen sind
Vor dir, mein Kind, schon auf der Welt gewesen.
Und immer wieder weht der Wind
Und neigen Frauen sich beim Ährenlesen.

Der Mond wird oft noch über den Syringen
Der Schwermut blasse Kerze nachts entzünden,
Gleich einem Diener dir den Leuchter bringen -
Er wird dich suchen und dich nicht mehr finden…

Ach, unterm Rosenstock, der blühend winkte,
Liegt ein enterbter König hingemeuchelt.
Der Krokos, der mit Weisheit dich beschwingte,
Gab seinen Blütenschatten nur geheuchelt.

So will ich lieber tausend Schwüre brechen
Als einen Krug, der noch zum Weine gut ist.
Komm, Bruder Gott, laß uns im Dunkel zechen!
Ich trinke deinen Geist, der rot wie Blut ist.

Es blüht in mir der grüne Garten Eden,
Die Hölle speit mich an mit Rauch und Ruß -
Den Händler gleich in den Arkadenläden
Setz ich auf Teppiche von Qual den Fuß.

In mir ist beides: Himmelreich und Hölle.
In mir ist Gott und Teufel, Lust und Qual.
Ich bin das Meer, ich bin die Quelle,
Ich bin der Leichnam, der Schakal.

Und dieser Krug, den ich am Munde halte:
Er ist ein Abbild andrer Krüge nur.
Das Neue wird so ganz und gar das Alte -
Und eine gleicht der andren Wagenspur.

Ich würde weinen, wenn ich Tränen hätte.
Die Grille zirpt. Ein fremder Vogel schreit.
Ich wälze ruhlos mich auf hartem Bette -
Vergänglichkeit - Vergänglichkeit…

Entsetzlichstes der Worte, das erfunden:
O daß ich morgen nicht mehr heute bin!
Ich rausche wie ein Fluß von Stund zu Stunden
Und bin am Ende schon kaum zu Beginn.

Dies lockt zum Laster: daß wir sterben müssen.
Was jubelt ihr von einem Jenseits doch?
Ich will vergehen unter Huriküssen,
Mich beugen unter schlanker Arme Joch.

Ich bin von einer Nacht zum Morgen wieder
Der leichte, lose Junge, der ich war.
Ich trage wie im Tanze meine Glieder,
Und Frühlingswinde rauschen durch mein Haar.

Wo ist die Traurigkeit der vielen Stunden?
Des Nebels graue Öde ist dahin.
Ich habe mir aus Sonnenstrahlen einen Strauß gebunden
Und diene einer milden Königin.

Ich trage ein Gestirn an meinem Ringe,
Das fiel vom Himmel als ein Edelstein.
An meinen Schultern glänzt Libellenschwinge,
Ich ströme selig über Au und Rain.

Wenn nachts das Dunkel Gram und Elend brütet,
Kehr ich erheitert in den Tag zurück.
Ich liege in der Wiege Welt, behütet
Von der Geliebten goldnem Mutterblick.

Es sprach der Scheik: Du liebst die schönen Mädchen;
Sie sind wie Rauch, und keiner kann sie haschen.
Ihr Herz rollt wie ein Spielzeug leicht auf Rädchen.
Komm trinken, Freund, tu Silber in die Taschen.

Der Engel der Verheißung naht dir dann
Mit blauen Flügeln, die dich leicht beschweren.
Er lehrt dich Wolke sein und Sonnenmann
Und Mohn und Rade unter edlen Ähren.

Er schlägt Gestein aus deiner harten Brust
Und türmt dich zu unendlichen Gebirgen.
Du saugst der Höhe reine Ätherlust
Und brauchst der Tiefe Stickluft nicht mehr würgen.

Was soll, sprach ich, dein aufgestecktes Wort?
Du scheinst ein anderer, Gaukler, als du bist.
Die Rebe ist in diesem Jahr verdorrt.
Das Korn steht dürr. An Regen fehlts und Mist.

Was nennst du mich Gebirg und Felsengrat?
Ich bin nur groß, weil ich so Großes leide.
Ich weiß mir selber keinen Rat,
Und du verlangst, daß ich auf Steinen weide?

Des Hochgebirgs Gedenken muß ich hassen,
Sein Anblick ist es, der die Seele steinigt,
Denn glaubte sie sich vom Geröll gereinigt,
Schon schwemmt ein Gießbach neue Kieselmassen.

Geängstigt scheut sie vor dem harten Treiben
Und flüchtet gemsengleich auf steile Flächen,
Da naht das Licht in heißen Strahlenbächen,
Und ach, sie kann nicht auf dem Gipfel bleiben.

Es schmilzt der Schnee, es schmilzt der Gram der Berge
Im Sonnenkuß des Frühlings liebend hin.
Wir aber sind wie steingeformte Zwerge,
Entbunden einer Träumerin.

Wir schmelzen nie. Wir leuchten angekettet
Am Sonnenwagen, Sklaven seinem Licht.
Und wer uns etwa rettet,
Er rettet unsere Kinder nicht.

Ich war ein Kind. Nun hab ich selbst ein Kind,
Ich heb es fröhlich aus der Taufe.
Ich schenk ihm meinen Mut als Angebind,
Und alle Liebe trage ich zu Haufe.

Mein Kind macht seinen ersten Gehversuch.
Es eilt von Tisch und Wand zu welchen Fernen.
Es hängt an meinem Bein, es stützt sich auf mein Buch,
Ich will mit meinem Kinde gehen lernen…

So wie der Teller, leicht gewölbt, die Last
Der süßen Früchte gern und willig trägt,
So bist auch du, von Farben wirr bewegt,
Ein rundes Etwas nur voll Rast und Hast.

Wie wild du in den Nordwind schreist und harfst:
Zufrieden sei, daß dich ein Licht bestrahlt,
Daß Gott ein wenig bunt dich angemalt,
Und daß du manchmal Früchte tragen darfst…

Auf Tafeln ist das Sein uns vorgeschrieben,
So daß uns nur der Weg des Rhythmus blieb.
Das andere heißt: hassen oder lieben,
Weil Gott die Zeile »du« schon längst zu Ende schrieb.

Als er mich schrieb, da zitterten die Hände,
Und seine Augen waren blind:
So bin ich denn an meines Lebens Ende
Wohl Greis, und doch als Greis ein Kind.

Ich bin der Stein am Ringe der Natur
Ich bin ihr Sinn, ihr Rat und ihr Gerät.
Der Hagel, der in meine Felder fuhr,
Ich hab ihn bei der Aussaat nicht gesät…

Die Menschheit liegt in einem steten Krieg,
Seitdem sie Gott in seinem Wahn geschaffen.
Ein jeder glaubt an seines Glaubens Sieg.
Ein jeder traut dem Trotze seiner Waffen.

Wir hauen mit den Schwertern auf uns ein,
Wir beißen uns wie Hunde ineinander.
Und Trost ist nur im Rausch, und Rausch ist nur im Wein
Und in der Liebe zärtlichem Selbander.

Und als den Feind ich warf in Staub und Sand,
Dem Tränen Blutes aus den Augen rannen,
Da sprach er leis: Du, der mich überwand,
O hebe, eh du fällst, dich doch von dannen!

Der du auf deiner Schwere nur beruhst,
Und eisern deine Faust ins Handwerk reckst:
Bedenke, wie du schlafend Träume tust
Und wie ein Hund der Herrin Hände leckst.

O wolle nicht die Schwachen überblitzen
Gewitternd und mit donnerndem Getön!
Wann scheuchte Gott von seiner Hand die Gnitzen?
Ein wenig Blut von ihm macht jedes Wesen schön.

Der Gott spielt Schach mit uns. Die schwarzen Felder
Des Brettes deuten Nacht, die weißen Tag.
Die Schwangerschaft ist unsres Spiels Vermelder,
Das am Geburtstag noch beginnen mag.

So stellt er König, Läufer, Dame, Bauer
In Tag und Nacht, ganz wie es ihm beliebt.
Hier steht ein dicker Turm auf seiner Lauer,
Ein Springer dort, der scheinbar Vorsprung giebt.

Schachmatt. Die Fahnen sinken von den Masten.
Und unwirsch wirft der Spieler das Gebein
Der knochigen Figuren in den Kasten
Und läßt das Spiel gewesen sein.

Ich geh betäubt zum abendlichen Mahle,
Mit Nebel der Erinnerung bekränzt,
Da naht der Engel mit der klaren Schale,
Der mir den dunklen Trank kredenzt.

Und als wir unsre Augen höher hoben,
Da glänzten sie ertrunken wie in Wein.
Die goldnen Ströme der Gestirne schnoben
Zu unsren Füßen leopardenklein.

Die Kröten krochen mit azurnen Bäuchen,
Die Tannen weinten weißen Morgentau,
Und aus den Teichen, Wolken und Gesträuchen
Trat blau der Himmel, sanft wie eine Frau.

Die Sonne raste an der dunklen Kette.
Uns aber fror die Zunge, daß sie schwieg.
Und gläsern funkelte und klang die Mette
Und salbte uns mit ewiger Musik.

Am Morgen wacht man auf. Man schlendert in Bazare,
Kauft einen Teppich oder zwei.
Betrachtet die und lobpreist jene Ware
Und also geht der Tag vorbei.

Man eilt zur gleichen Tür hinaus,
Durch die des Händlers Bude man betreten.
Ein altes Blumenmädchen reicht uns einen Strauß.
Man fragt: Woher? Wohin? Von welchen Beeten?

Der Veilchen, Nelken, Rosen, Anemonen
Schwüle Gerüche uns wie Sklaven fächeln.
Und wie wir das verhärmte Weib entlohnen,
In ihren Augen blitzt ein Dirnenlächeln.

Ich bin ein kleines Licht und brenne in den Schenken,
Am rechten Ort, verwahrt vorm Windeswehn,
Ich bin nicht Ampel über heiligen Bänken,
Ich wär ein Nichts im Glanze der Moscheen.

Ich ehre den Koran. Und mir gefällt sein Wesen;
Doch hat sein Studium wenig mir genützt.
Ich muß von Zeit zu Zeit die Verse lesen,
Die in den Rand der Krüge eingeritzt.

Warum hat Mohammed den süßen Wein verboten,
Den sauren Yoghurt doch erlaubt?
Ich sandt durch alle Himmel einen Boten
Mit Weinlaub schön behängt das junge Haupt.

Der Bote kam zurück. Sein Lächeln sah ich winken:
Mohammed meint, es habe keine Not.
Du darfts, o Omar, ewig darfst du trinken,
Da er den Toren nur den Wein verbot.

Bin ich ein Tor? Der Weisheit leichte Zelte,
Ich nähte schwer an ihnen mondelang.
Da kam ein Sturmwind, brüllend, und er fällte
Das Werk der Hände, das die Nacht verschlang.

Nun sitz ich nächtlich unter freiem Himmel
Und sehne mich nach deinem Stern, Saturn.
Und meine Seele weidet wie ein Schimmel
Auf dürrem Ödland mit verhaltnem Murrn.

Die sieben Tore öffnen ihre Flügel,
Und die Planeten wandeln ihre Bahn.
Schon führt der Morgen sein Gespann am Zügel
Und hinterm Hause kräht der Hahn.

Das Licht singt seine flammenden Gesänge,
Im rasenden Zenith, im sinkenden Nadir.
Da ich als Taube flog, geriet ich in des Greifen Fänge.
Nun trag ich seiner Krallen Mal an mir.

Ich darf euch das Geheimnis nicht vertrauen,
Nicht dir, mein schönes Kind, und nicht dem wertsten Freund.
Ich stehe blind vor allen schönen Frauen;
Ich bin ein Bettler, der durchs Weltall streunt.

Mein Gott, du warfst mir Münzen in die Mütze.
Die Mütze war verfilzt und zeigte Loch bei Loch.
Das Gold fiel in die Pfütze
Und liegt wohl in der Pfütze noch.

Ich bin zu stolz, es aus dem Dreck zu heben.
Ich will den Lohn aus deiner eignen Hand.
Ich will, o Gott, mein Leben
Und nicht ein fremdes zugewandt.

Als gestern ich mit den Kumpanen zechte,
Da blies der Abendwind die Kerzen aus.
Das Dunkel hing ins Haus wie eine Flechte,
Und unsre Augen sahen Gram und Graus.

Da schlugest du in dem entrückten Dunkel
Den Krug mir aus der fest gekrampften Faust.
Der Wein vergoß sich nieder mit Gefunkel.
Ich stand im Nichts, vom Tränenstrom umbraust.

Was nahmst du mir den Wein? Und löschtest die Laterne?
Spannst du auch mich an deinen Pflug? -
Es sprach ein Geist aus einer hohen Ferne:
Omar, du selbst zerschlugst den Krug.

Du warst von Liebe und von Freundschaft trunken
(Von Liebe doch und Freundschaft nicht allein…)
Da bist du in den Staub gesunken
Und fraßest Erde tief in dich hinein. -

Ich will die Trunkenheit dir zugestehen.
Ich brenne ewig, da ich mal entbrannt.
Die Sterne, die in deinem Hause stehen,
Sind Fackeln, die ich einst Dir zugesandt.

Du wirst das Paradies für mich verwahren,
Die schöne Huri, die so ruhlos schweift.
Dann, Herr, kehr ich vielleicht nach vielen Jahren
In ein Herz zurück, das mich begreift.

O laß mich sterben, Herr, ich bin ein toter Mann,
Was nützt mir noch ein weiteres Jahrhundert?
Fing ich noch einmal an, stürb ich noch einmal dann,
Dein Fangballspiel hat Omar nie bewundert.

Ich will die Stunden meines späten Tods
Mit den Geliebten und den Freunden bechern;
Dann tragt mich beim Gesang des Abendrots
Nach meines Hauses innersten Gemächern.

Dort steht ein Sarg aus härtestem Metall,
Legt mich hinein und wollt ihn gut verschließen,
Daß Frauenkuß und Früchtefall,
Des Seins Geräusche mich im Nichtsein nicht verdrießen.

Aus meinem Grabe aber steigt ein Duft
Von rosenfarbenen, von erlauchten Weinen,
Chimären wandeln seufzend durch die Luft
Und tanzen mit den schlanken Geisterbeinen.

Wenn dann ein Freund der fernen Ahnung lauscht,
Stürzt aus der Tiefe strömend süßer Odem -
Da sinkt er wohl, von Wein und Tod berauscht,
Gleich einem heiligen Trunkenbold zu Boden.

Omar Khayyâm

 

 

 

Komm, o heil'ger Geist und wehe,
Send uns von des Himmels Höhe
Deines Lichtes heil'gen Strahl;
Komm, o Vater du der Armen,
Gabenspender voll Erbarmen,
Füll die Herzen allzumal!

Gieß von lichten Himmelsauen
In uns, die wir gläubig trauen,
Siebenfält'gen Gnadenstrom;
Gib der Tugenden Vollendung,
Gib des Todes sel'ge Wendung,
Ew'ges Fest im ew'gen Dom!

Melchior von Diepenbrock

 

 

Ein Gottesbild und sein Altar

Komm, erschließe dich dem Lichte,
Tritt aus dem beengten Zelt,
Blicke groß in die Geschichte,
Lebe mit Natur und Welt.
Alle Farben, alle Flammen,
Die das Schöpfungsrund dir weist,
Fasse in ein Bild zusammen
Und vertrau' es deinem Geist.
Sieh, aus deines Geistes Rahmen
Wird es leuchten wunderbar,
Wesen gibst du ihm und Namen
Und dein Herz ist sein Altar.
Nenn' es Freiheit, nenn' es Milde,
Was dein helles Auge fand,
Doch der Grund der Weltgebilde
Gibt dem Bild in dir Bestand.
Treuer wirst du's bald umfangen,
Als der Tempel von Porphyr,
Du bestimmst dich ohne Bangen,
Denn du trägst den Gott in dir!

Johann Fercher von Steinwand

 

 

Noch einmal ehe ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
daß allezeit
mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht tief eingeschrieben
das Wort dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich – und ich fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter.
Du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfaßbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

 

 

Es wandelt, was wir schauen

Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb' es doch auf Erden,
Wer hielt' den Jammer aus,
Wer möcht' geboren werden,
Hielt'st Du nicht droben Haus!

Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen –
Darum so klag' ich nicht.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

Der Traum vom Lieben Gott

Mir träumt, ich schlummert unterm Weidenbusch
Am Bachesufer, auf der Himmelswiese,
Und mit dem Wasser käm ein schöner Mann
Im Boot dahergefahren. Längs der Fahrt
Bog er die Büsche auseinander, spähte
In das Versteck und reichte links und rechts
Geschenke, welche er dem Boot enthob.

Wo er vorbeizog, scholl ein Dankesschluchzen.
Und aus den Wellen sang's wie Orgelstimme:
"Kleingläubige Zweifler, habt ihr's nicht gespürt?
Ihr mußtet leiden, daß ihr lernet wünschen.
Ihr mußtet wünschen, daß ich euch's gewähre.
Was jeder ihm verschwiegnen Seelengrund
Ersehnt, die Träume, die dem eignen Herzen
Er nicht verriet, ich habe sie gebucht.
Nehmt hin, ich kenne jedes Menschenherz!
Nehmt hin, ich kenne jeder Seele Sehnsucht!"

Allmählich kam er auch zu mir. Neugierig
Schärft ich den Blick, denn keines Wunsches war
Ich mir geständig. Da entstieg dem Nachen
Ein strahlend Frauenbild, vertraulich winkend,
Eilt auf mich zu und lachte mir ins Auge:
"Kleingläubiger Zweifler, hast du's nicht gespürt?"
Dann nahm sie meine Hand und führte mich
Durch blumige Triften nach den blauen Bergen.
Viel Fenster lugten auf den Weg, dahinter
Gesichter, deren Grüße uns vermählten.
Wir aber zogen miteinander weiter
Und immer weiter über Berg und Tal,
Ohne Verdruß und ohne Müdigkeit,
Bis wir verschwanden in gottinniger Ferne.

Carl Spitteler

 

 

 

Auf! Wirf dein schlechtes Grämen,
Dein eitles Sorgen weg!
Verscheuche alle Schemen,
Die irren deinen Weg!
Du sollst im Lichte schreiten,
Und der dich frei gemacht,
Das große Licht der Zeiten,
Schloß ewig deine Nacht.

Ernst Moritz Arndt

 

 

 

Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, die dich finden, binden dich
An Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen
Wie dich die Erde begreift,
Mit meinem Reife
Reift
dein Reich.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Und seh ich die Morgensonne erwachen,
Wenn der Frühling kommt, die Gärten lachen,
Die Herde weidet, die Schwalben bauen,
Und ich wandle dahin auf blumigen Auen:
Dann zeigt mir der Teppich des reichen Gefildes
Das Symbol des unendlichen Bildes.
Und ist das Abendrot spät entschwunden,
Und es nahen die stillen, die traulichen Stunden,
Und ich schaue hinaus wie der Himmel glüht,
Wenn die Saat der Welten dem Auge blüht:
Dann fühl ich noch mächtiger deine Spur,
Erhabener Geist, in der großen Natur.

August Graf von Platen Hallermund

 

 

Lebens-Banner

Wohl drängen nach den schönem Räumen
Die Menschen all in edlem Streit,
Indem ihr Streben, Tun und Träumen
Sich glühend um ein Banner reiht.
Zwar lassen diese Pilgerschwärme
Das Banner fallen oft im Lauf
Und raffen mit vertauschter Wärme
Ein neues zeitentsprechend auf.
Erkennst du gleich, daß jede Fahne
Ein Bild erhabnen Wähnens sei,
Geselle dich dem schönen Wahne
Als liebevoller Denker bei.
Er wird zum Genius sich klären,
Der sich zu dir mit Liebe senkt
Und deine Sehnsucht in die Sphären
Beflügelnder Geschicke lenkt.

Johann Fercher von Steinwand

 

 

Ach ja, wenn ich überlege,
mit was Lieb und Gütigkeit
du durch so viele Wunderwege
mich geführt die Lebenszeit,
so weiß ich kein Ziel zu finden,
noch die Tiefen zu ergründen.
Tausend- tausendmal sei dir,
großer König, Dank dafür!

Ludwig Andreas Gotter

 

 

Es gibt nicht
So viel Stern' am Himmelskreise,
So viel Funken in den Flammen,
So viel Sand in Meeresweiten,
So viel Vögel in den Lüften,
So viel Staub im Sonnenscheine,
Als Er Sünden kann vergeben…

Pedro Calderón de la Barca

 

 


Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren,
meine geliebte Seele, das ist mein Begehren,
kommet zuhauf,
Psalter und Harfe wacht auf,
lasset den Lobgesang hören.

Lobe den Herrn, der alles so mächtig regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?

Joachim Neander

 

 

Unser Gott ist ein greifbares Faktum.
Wir nehmen vorerst den Darm als Abstraktum
Und stopfen demnächst von dem wirklichen Schwein
So Fleisch als Fett und Blut hinein.
So füllt sich die Leere, wird straff und stet,
Das schlotternde Absolute konkret.

Franz Grillparzer
 

 

 

 

Wenn ihr aus der Geschichte Gott studiert,
Ist die Aussicht eine geringe,
Studiert aus ihr nur, wie sich's gebührt,
Die menschlichen Dinge.

Denn im Verstehn von Gottes Art
Sind wir und bleiben Kinder,
Er straft vor allem die Dummen hart,
Die Schlechten minder.

Franz Grillparzer

 

 

 

Es wohnt ein Gott hoch über unserm Kreise,
Ein Gott der Huld, ein starker Gott der Macht.
Er ist allein der Ordnende, der Weise,
Er wohnt im Licht und weiß, was er vollbracht.
Mag wunderbar das dunkle Schicksal walten,
Er wird es hell und freundlich einst entfalten,
Denn er ist Gott, und unten wohnt die Macht.

Ernst Schulze

 

 

Niemand soll aus der Welt sich sehnen,
Und sei er noch so betagt
Und siech und matt, – wer weiß, wer sagt,
Wozu der droben
Ihn aufgehoben!?
Laßt uns den Herrn im Himmel loben.

August Kopisch

 

 

Ein froh und tröstlich Lied

Gottvaters blühendes Wunderkleid
wallt über unsere Lande weit
und schmückt die arme Erde.
Die Blumenwiese ist sein Saum,
die Kinder haschen noch im Traum
danach mit Lustgebärde.

Gottvaters blühendes Wunderkleid
birgt allen Trost für Menschenleid!
Aus seinen langen warmen Falten
hat Menschenhand ihr täglich Brot
und Früchte süß und goldenrot
noch Jahr um Jahr erhalten.

Gottvaters blühendes Wunderkleid
rauscht durch die Welt in Ewigkeit
und hört nicht auf zu prangen.
Und rauscht uns noch zur Nacht Geleit!
Der letzte Griff in Gottes Kleid
stillt Bangen und Verlangen.

Walter Flex

 

 

Fragst du…

Fragst du, wie Gott, das Wort, in einer Seele wohne,
so wisse: wie das Licht der Sonnen in der Welt
und wie ein Bräut'gam sich in seiner Kammer hält
und wie ein König sitzt in seinem Reich und Throne,
ein Lehrer in der Schul, ein Vater bei dem Sohne,
und wie ein teurer Schatz in einem Ackerfeld
und wie ein lieber Gast in einem schönen Zelt
und wie ein Kleinod ist in einer guldnen Krone,
wie eine Lilie in einem Blumental
und wie ein Saitenspiel bei einem Abendmahl
und wie ein Zimmetöl in einer Lamp entzunden
und wie ein Himmelbrot in einem reinen Schrein
und wie ein Gartenbrunn und wie ein kühler Wein:
sag', ob es anderswo so schön wird gefunden?

Angelus Silesius

 

 

 

Ich habe Gott gesucht und fand ihn nicht.
Ich schrie empor und bettelte um Licht.
Da, wie ich weinend bin zurückgegangen,
Faßt's leise meine Schulter: Ich bin hier.
Ich habe dich gesucht und bin bei dir.
Und Gott ist mit mir heimgegangen.

Gustav Schüler

 

 

Dein ist alles

Dein ist alles, all und jede Wonne,
wenn sie aufgeht, dir als eigene Sonne,
jeder Tag vom Licht emporgetragen,
wenn er aufgeht dir als eigners Tagen.

Dein ist alles, all der Blumen Glühen,
weenn hervor sie aus sich selber blühen.
All die Rosenknospen auf der Erden,
wenn sieRosen in dir selber werden.

Dein ist alles, was in Tal und Hügeln
lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln.
Dein die Himmel selbst und selbst die Sterne,
wenn du Glanz hast für den Glanz der Ferne.

Christian Wagner

 

 

Laß mich, solang ich hier soll leben,
in gut und bösen Tagen sein vergnügt,
und deinem Willen mich ergeben,
der mir zum Besten alles weislich fügt;
gib Furcht und Demut, wann du mich beglückst,
Geduld und Trost, wenn du mir Trübsal schickst.

Georg Joachim Zollikofer

 

 


Er ist der Weg, das Licht, die Pfort,
die Wahrheit und das Leben,
des Vaters Rat und ewigs Wort,
den er uns hat gegeben
zu einem Schutz,
daß wir mit Trutz
an ihn fest glauben sollen;
darum uns bald kein Macht noch Gwalt
aus einer Hand wird rauben.

Lazarus Spengler

 

 

 

Ja, ich will euch tragen
bis zum Alter hin.
Und ihr sollt einst sagen,
daß ich gnädig bin.
Ihr sollt nicht ergrauen,
ohne daß ich's weiß,
müßt dem Vater trauen,
Kinder sein als Greis.
Ist mein Wort gegeben,
will ich es auch tun,
will euch milde heben:
Ihr dürft stille ruhn.
Stets will ich euch tragen
recht nach Retterart.
Wer sah mich versagen,
wo gebetet ward?
Denkt der vor'gen Zeiten,
wie, der Väter Schar
voller Huld zu leiten,
ich am Werke war.
Denkt der frühern Jahre,
wie auf eurem Pfad
euch das Wunderbare
immer noch genaht.
Laßt nun euer Fragen,
Hilfe ist genug.
Ja, ich will euch tragen,
wie ich immer trug.

Jochen Klepper

 

 

 

Der du allein der Ewige heißt und Anfang,
Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten;
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.

Jochen Klepper

 

 

 

Raphael. Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

Gabriel. Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieseshelle
Mit tiefer, schauervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen
In ewig schnellem Sphärenlauf.

Michael. Und Stürme brausen um die Wette,
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,
Und bilden wütend eine Kette
Der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags;
Doch deine Boten, Herr, verehren
Das sanfte Wandeln deines Tags.

Zu drei. Der Anblick gibt den Engeln Stärke,
Da keiner dich ergründen mag,
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

O Diener, wo suchst du mich?
Sieh doch! Ich stehe neben dir.
Weder in Tempeln noch in Moscheen wohne ich.
Weder in der Kaaba noch in der Kâilas:
Weder in Riten noch Zeremonien,
noch in Yoga oder Entsagung.
Wenn du mich wahrhaftig suchst,
wirst du mich dort erblicken:
wirst du mich treffen im Nu.
Kabir sagt, o Sadhu!
Gott ist der Atem in allem Atem.

Kabir

 

 

Ihm ist keiner der Geringste –
Wer sich mit gelähmten Gliedern,
Sich mit wild zerstörtem Geiste,
Düster ohne Hilf' und Rettung,
Sei er Brahma, sei er Paria,
Mit dem Blick nach oben kehrt,
Wird's empfinden, wird's erfahren:
Dort glänzen tausend Augen,
Ruhend lauschen tausend Ohren,
Denen nichts verborgen bleibt.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

In der Stille
Ist mein Wille
Nur auf dich, mein Gott, gestellt;
All mein Ringen, all mein Denken
Strebt in Gott sich einzusenken,
Dessen Hauch mich süß umschwebt.

Seelenfrieden
Ist beschieden
Mir, der so in Gott sich wiegt.
O ihr Schmerzen, Gram und Trauer,
Seid ihr mehr als Mainachtsschauer,
Draus der Tag erglänzt und siegt?

Karl Rudolf Tanner

 

 

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trunk (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte, nah und warm, begrüßen.
Es fällt von deinen müden Füßen
die Samtsandale, die ich bin.

Dein großer Mantel läßt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange -
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Schoß.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Unermeßbar

Wer hat den Sand gezählt,
welcher im Wasser haust?
Wem hat kein Blatt gefehlt,
Wenn der November braust?
Wer weiß im Januar,
Wie viel der Flocken weh'n?
Wie viele auf ein Haar
Tropfen aufs Weltmeer geh'n?

Wer mißt den Ozean,
Wo er am tiefsten fließt?
Wer mag die Strahlen seh'n
Welche die Sonne schießt?
Wer holt das Lichtgespann
Fliegender Blitze ein?
Nenne den Wundermann?
Keiner mag größer sein.

Gott ist die Ohnezahl,
Vor dem die Zahl vergeht,
Der durch den Sternensaal
Sonnen wie Flocken weht,
Gott ist überall,
Gott ist der Ohnegrund,
Schneller als Licht und Schall,
Tiefer als Meeresgrund.

Sandkörner zählest du,
Nimmer die Freundlichkeit,
Weltmeere missest du,
Wie die Barmherzigkeit;
Sonnenstrahlen holst du ein,
Nimmer die Liebe doch,
Womit dein Gnadenschein
Sündern entgegenflog.

Ernst Moritz Arndt

 

 

 


Bleib bei mir, Herr!
Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht,
die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du,
mein Gott, nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist:
Herr, bleib bei mir!

Wie bald verebbt der Tag,
das Leben weicht,
die Lust verglimmt,
der Erdenruhm verbleicht;
umringt von Fall
und Wandel leben wir.
Unwandelbar bist du:
Herr, bleib bei mir!

Ich brauch zu jeder Stund
dein Nahesein,
denn des Versuchers Macht
brichst du allein.
Wer hilft mir einst,
wenn ich den Halt verlier?
In Licht und Dunkelheit,
Herr, bleib bei mir!

Von deiner Hand geführt,
fürcht ich kein Leid, kein Unglück,
keiner Trübsal Bitterkeit.
Was ist der Tod,
bist du mir Schild und Zier?
Den Stachel nimmst du ihm;
Herr, bleib bei mir!

Halt mir dein Kreuz vor,
wenn mein Auge bricht;
im Todesdunkel
bleibe du mein Licht.
Es tagt, die Schatten fliehn,
ich geh zu dir.
Im Leben und im Tod,
Herr, bleib bei mir!

Kirchenlied

 

 

Gott gibt Äcker, gibt nicht Pflüge.
Gott gibt Quellen, gibt nicht Krüge.
Gott gibt Flachs, gibt nicht Linnen.
Selbst mit eigener Hand
muß spinnen,
selbst mit eigenem Kopf
muß sinnen,
jeglicher auf dieser Welt.

Aus Finnland

 

 

 

Allmacht

Forschen Fragen
du trägst Antwort
Fliehen Fürchten
du stehst Mut!
Stank und Unrat
du breitst Reine
Falsch und Tücke
du lachst Recht!
Wahn Verzweiflung
du schmiegst Selig
Tod und Elend
du wärmst Reich!
Hoch und Abgrund
du bogst Wege
Hölle Teufel
du siegst Gott!

August Stramm

 

 

 

Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit,
ewig alt und ewig neu,
spät habe ich dich geliebt!
Und sieh, bei mir drin warst du,
und ich lief hinaus und suchte draußen dich,
und häßlich ungestalt warf ich mich
auf das Schöngestaltete, das du geschaffen.
Du warst bei mir, und ich war nicht bei dir.
Und was von dir solang mich fernhielt, waren Dinge,
die doch, wenn sie in dir nicht wären, gar nicht wären.
Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit.
Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit.
Du duftetest, und ich trank deinen Duft und atme nun in dir.
Gekostet hab ich dich, nun hungre ich nach dir und dürste.
Und du berührtest mich,
ich aber glühte in Sehnsucht auf,
in Sehnsucht nach deinem Frieden.

Augustinus Aurelius

 

 

 

Sprach der Herr am sechsten Tage:
Hab am Ende nun vollbracht
Diese große, schöne Schöpfung,
Und hab alles gut gemacht.

Wie die Sonne rosengoldig
In dem Meere widerstrahlt!
Wie die Bäume grün und glänzend!
Ist nicht Alles wie gemalt?

Sind nicht weiß wie Alabaster
Dort die Lämmchen auf der Flur?
Ist sie nicht so schön vollendet
Und natürlich die Natur?

Erd und Himmel sind erfüllet
Ganz von meiner Herrlichkeit,
Und der Mensch, er wird mich loben
Bis in alle Ewigkeit!

Heinrich Heine

 

 

 

Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
Auch der liebt und der dein Angesicht
erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
in deinem Atem schwankt, – besitzt dich nicht.
Und wenn dich einer in der Nacht erfaßt,
so daß du kommen mußt in sein Gebet:
Du bist der Gast,
der wieder weiter geht.

Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,
von keines Eigentümers Hand gestört,
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
der immer süßer wird, sich selbst gehört.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Gerüchte gehen, die dich vermuten,
und Zweifel gehen, die dich verwischen.
Die Trägen und Träumerischen
mißtrauen ihren eignen Gluten
und wollen, daß die Berge bluten,
denn eher glauben sie dich nicht.

Du aber senkst dein Angesicht.

Du könntest den Bergen die Adern aufschneiden
als Zeichen eines großen Gerichts;
aber dir liegt nichts
an den Heiden.

Du willst nicht streiten mit allen Listen
und nicht suchen die Liebe des Lichts;
denn dir liegt nichts
an den Christen.

Dir liegt an den Fragenden nichts.
Sanften Gesichts
Siehst du den Tragenden zu.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Gott

Auf hohem Berge, da wohnest du,
ich wandle empor, immerzu, immerzu ...
Millionen Jahre wandle ich schon
und schaue noch immer nicht deinen Thron.

Einst rauchen die Höhen wunderbar,
da stehe ich oben, Sonne im Haar.
Wir schauen uns an und lächeln uns zu,
denn du bist ich und ich bin du.

Ludwig Jacobowski

 

 

 

Gott

So bin ich nur als Kind erwacht,
so sicher im Vertraun,
Nach jeder Angst und jeder Nacht
Dich wieder anzuschaun.

Ich weiß, so oft mein Denken mißt:
wie tief, wie lang, wie weit, –
Du aber bist und bist und bist,
Umzittert von der Zeit.

Mir ist als wär' ich jetzt zugleich
Kind, Knab und Mann und mehr,
Ich fühle: nur der Ring ist reich
Durch seine Wiederkehr.

Ich danke Dir, Du tiefe Kraft,
Die immer leister mit mir schafft
Wie hinter vielen Wänden;
Jetzt ward mir erst der Werktag schlicht
Und wie ein heiliges Gesicht
Zu meinen dunklen Händen.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Wo ist Gott? Im Meeresrauschen!
Wo ist Gott? Im Eichenwald!
Kehr in dich und lerne lauschen,
Seinen Atem hörst du bald!
Wo ist Gott? Im Duft der Linde
Und im Lied der Nachtigall!
Und im Hauch der Frühlingswinde,
Überall im Weltenall!

Felix Dahn

 

 

Gott

Du kommst und gehst. Die Türen fallen
viel sanfter zu, fast ohne Wehn.
Du bist der Leiseste von allen,
die durch die leisen Häuser gehn.

Man kann sich so an dich gewöhnen,
daß man nicht aus dem Buche schaut,
wenn seine Bilder sich verschönen,
von deinem Schatten überblaut;
weil dich die Dinge immer tönen
nur einmal leis und einmal laut.

Oft wenn ich dich in Sinnen sehe,
verteilt sich deine Allgestalt;
du gehst wie lauter lichte Rehe,
und ich bin dunkel und bin Wald.

Du bist ein Rad, an dem ich stehe:
von deinen vielen dunklen Achsen
wird immer wieder eine schwer
und dreht sich näher zu mir her,
und meine willigen Werke wachsen
von Wiederkehr zu Wiederkehr

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

 

Ein loses Blatt, das zwecklos, rastlos treibt,
Die Seele ist's, der keine Hoffnung bleibt.
Ein loses Blatt, das welk geworden ist,
Ihm gleicht der Mensch, der seinen Gott vergißt.
Ein loses Blatt, dem Sturm gegeben preis,
Das ist ein Herz, das nicht von Liebe weiß.

Georg Freiherr von Dyherrn

 

 

 

 

Gebet eines Spielmanns

Ich möchte wohl, wenn's möglich wär
Daß Gott bekäm, was ich bekam
Die Sorgen all, und all den Gram
Und daß ich Gott wär, so wie er.

Dann ging es ihm, wie's mir geschah
Ich zahlt ihm was mir ward zurück
Wie immer nur dem Schlechten ja
Gewährt wird seiner Güter Glück

So hole er sich dort den Dank
Und nicht bei mir für seine Gaben
Mir lieh er keinen Heller blank
Die Seele nur – die kann er haben.

Unbekannt

 

 

 

Forschen nach Gott

Ich suche dich, ich suche dich,
o Unerforschlicher!
der du im Dunkel wohnest,
und über Geisterwelten thronest;
unsichtbar streust du Segen aus;
wo ist dein großes Vaterhaus?
Unendlicher! Unendlicher!
wo find ich dich?

Ich suche dich, ich suche dich,
o Unergründlicher !
In unermeß'nen Fernen,
da strahlt dein Thron von jenen Sternen,
Umwehst du mich im Frühlingshauch,
und duftest mir vom Blüthenstrauch;
du Herrlichster! du Herrlichster!
wo find ich dich?

Bist du ein Traum? bist du ein Traum?
o Unbegreiflicher!
Woher die Sternenheere?
dies Blumenland? die Früchte, Meere?
der Mensch, dein Bild voll Geist, Verstand?
Es sind die Werke deiner Hand!
Allschaffender! Allschaffender!
du bist kein Traum!

Johann Ulrich Hegner

 

 

 

Da weht mich wieder jene Ahnung an

Da weht mich wieder jene Ahnung an,
ein Federflaum von jenem großen Grauen,
ein Nichts, genug, um alles doch zu schauen,
was mir von allem Anfang angetan.

Und klopft ans Herz:
Du bist in einer Falle, versuch's und flieh!
Dies hast du doch gemeinsam,
das einzig eine, worin alle einsam und keiner will
und dennoch müssen alle.

Wer wird in jener Nacht nach diesen Nächten bei dir sein,
um den letzten Streit zu schlichten,
Endgültiges dir helfen zu verrichten,
damit sie dort nicht allzu strenge rechten?

Dies war ein Blicke aus dem Dämonenauge,
das mich im Dämmern eingenommen hatte.

So prüft das Leben mich, das nimmermatte,
ob nun noch ihm zum Widerstand ich tauge.
Noch wart ich auf das Wunder.
Nichts ist wahr, und möglich, das sich anderes ereignet.

Nicht Gott, nur alles leugn' ich,
was ihm leugnet, und wenn er will,
ist alles wunderbar.

Karl Kraus

 

 

 

So will es der Berater
der Welt, daß in der Kunst
das Kind den eignen Vater
belehrt durch seine Gunst
und für die heil'ge Schüssel
voll Blut, die er vergießt,
ihm dankt mit einem Schlüssel,
der ihm das All erschließt!

Christian Friedrich Hebbel

 

 

 

Ich leb, ich sterb...

Ich leb, ich sterb: ich brenn und ich ertrinke,
ich dulde Glut und bin doch wie im Eise;
mein Leben übertreibt die harte Weise
und die verwöhnende und mischt das Linke

mir mit dem Rechten, Tränen und Gelächter.
Ganz im Vergnügen find ich Stellen Leides,
was ich besitz, geht hin und wird doch echter:
ich dörr in einem und ich grüne, beides.

So nimmt der Gott mich her und hin. Und wenn
ich manchmal mein, nun wird der Schmerz am größten,
fühl ich mich plötzlich ganz gestillt und leicht.

Und glaub ich dann, ein Dasein sei erreicht,
reißt er mich nieder aus dem schon Erlösten
in eine Trübsal, die ich wiederkenn.

Louise Labé

 

 

 

Bei Tag bist du das Hörensagen,
das flüsternd um die Vielen fließt;
die Stille nach dem Stundenschlagen,
welche sich langsam wieder schließt.

Jemehr der Tag mit immer schwächern
Gebärden sich nach Abend neigt,
jemehr bist du, mein Gott. Es steigt
dein Reich wie Rauch aus allen Dächern.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Deiner Sanftmut Schild,
Deiner Demut Bild
Mir anlege, mir einpräge,
Daß kein Zorn noch Stolz sich rege.
Vor dir sonst nichts gilt,
Als dein eigen Bild.

Johann Anastasius Freylinghausen
 

 

 

Wo bist du, Gott?

Wo bist du, Gott? Ich hab die Wälder
Mit deinem Namen wachgeschrien,
Ließ heißaufweinend durch die Felder
Nach dir der Stimme Sehnsucht ziehn.

Ich hab das Meer gefragt, die Stürme
Nach ihrer Heimat Ewigkeit.
Ich schrieb ins Glockenerz der Türme,
Wie meine Seele nach Dir schreit.

Die Frommen fragt ich, mit den Spöttern
Hab ich beim Weine dich verlacht,
Hab in des Meeres Blitzeswettern
Nach dir gefiebert, Meer der Nacht.

Mit Beten, Betteln, Grimm und Fluchen,
Mit rastlos unerschöpfter Not –
Jetzt steh ich still. Wer hilft mir suchen?
Hörst du mich nicht? Wo bist du, Gott?

Gustav Schüler

 

 

Ich saß auf einem Steine
Und deckte Bein mit Beine,
Drauf setzte ich den Ellenbogen
Und hatt in meine Hand gezogen
Mein Kinn und eine Wange.
Da dacht' ich sorglich lange,
Weshalb man auf der Welt sollt' leben.
Ich konnte mir nicht Antwort geben,
Wie man drei Ding erwürbe.
Daß kein davon verdürbe,
Die zwei sind Ehr und irdisch Gut,
Das oft einander schaden tut,
Das dritt ist Gottgefallen,
Das wichtigste von allen.

Walther von der Vogelweide

 

 

 

Sei du mit mir!

Herr, den ich tief im Herzen trage,
Sei du mit mir!
Du Gnadenhort in Glück und Klage,
Sei du mit mir!
Behüte mich am Born der Freude
Vor Übermut!
Und wenn ich an mir selbst verzage,
Sei du mit mir!

Dein Segen ist wie Tau den Reben,
Schwach bin ich sonst;
Doch daß ich kühn das Höchste wage,
Sei du mit mir!
O du mein Trost, du meine Stärke,
Mein Sonnenlicht!
Bis an das Ende meiner Tage
Verlaß mich nicht!

Emanuel Geibel

 

 

 

Hymne an den Unendlichen

Zwischen Himmel und Erd, hoch in der Lüfte Meer,
In der Wiege des Sturms trägt mich ein Zackenfels,
Wolken türmen
Unter mir sich zu Stürmen,
Schwindelnd gaukelt der Blick umher,
Und ich denke dich, Ewiger.

Deinen schauernden Pomp borge dem Endlichen,
Ungeheure Natur! Du, der Unendlichkeit
Riesentochter,
Sei mir Spiegel Jehovas!
Seinen Gott dem vernünftgen Wurm
Orgle prächtig, Gewittersturm!

Horch! er orgelt – Den Fels, wie er herunterdröhnt!
Brüllend spricht der Orkan Zebaoths Namen aus.
Hingeschrieben
Mit dem Griffel des Blitzes:

Schone, Herr! wir erkennen dich.

Johann Christoph Friedrich von Schiller
 

 

 

 

Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.

Jochen Klepper

 

 

 

Confiteor

Sieh', Du mußt es mir vergeben,
Wenn ich manchmal schroff und hart:
Toll und traurig war mein Leben,
Eine wüste Pilgerfahrt.

Schwer hab ich nach Haus' gefunden,
Bitter mußt' ich irre geh'n,
Und ich kenne Stunden … Stunden,
Wo Gespenster auferstehen.

Felix Dörmann

 

 

 

Ich genüge mich an meinem Stande

Ich genüge mich an meinem Stande,
in den der Höchste mich gesetzt,
Und acht es gar für keine Schande,
bin ich nicht jedem gleichgeschätzt.
Ich darf so wenig meinen Schöpfer
anklagen als der Ton den Töpfer.

Johann Sebastian Bach

 

 

Entführung

Wenn die leichte Kerzenflamme
Schwelend sich gespenstisch hebt,
Die am runden, weißen Stamme
Zuckend wie gefangen klebt,

Und ein Hauch im düstern Zimmer
Unbemerkt sie plötzlich treibt,
Daß ihr flüchtig blasser Schimmer
Schattend einen Kreis beschreibt:

Fühlst du dich im tiefsten Kerne
Wie von einem Ruf berührt,
Der dich in die große Ferne,
In die Ewigkeit entführt,

Fühlst dich über diesem Leben
Körperfrei im Wirbelwind
Lautlos zu den Quellen schweben,
Daraus die Zeit ins Dunkel rinnt.

Richard von Schaukal

 

 

 

Ich frage dich, Schmerz, ich frage dich, Not,
Ich frage dich, rätselumschauerter Tod.
Ich frage dich, Gott, ich fasse dein Kleid
Und deine starre Herrlichkeit.

Ich recke mich zu deinem Thron,
Ein verzweifelter, müder Menschensohn.
Ich frage mit trotzig knirschendem Mund
Dich um der Dinge letzten Grund.

Ich frage dich um die Zweifelsqual,
Wie Nacht so schwer, wie Nacht so kahl,
Um das zagende, nagende Menschenleid,
Das zu dir aus tiefster Tiefe schreit.

Ich frage dich um die andere Welt,
Wenn uns die arme Erde zerschellt.
Ich schütte das ganze grausame Leid
Vor deine graue Ewigkeit. –

Die Himmel beben, die Sonne zagt
Vor dem Menschenkinde, das also fragt.
Das Meer schlägt donnernd seinen Strand,
Und die Berge lauschen wie gebannt. –

Und wenn mir, Gott du, die Seele zerbricht,
Ich frage dich, ich lasse dich nicht.

Gustav Schüler

 

 

Vorschlag

O wie rinnt in meine Glieder
Eine stille Seligkeit,
Sonntag, Sonntag ist es wieder,
Abgelegt das Werktagskleid.

O wie machst du jede Plage,
Alles wieder schön und gut,
Nachgeschmack von jenem Tage,
Da der Herr der Welt geruht.

Rufst in unserer gescheiten
Fleißigen Welt oft wunderbar
Mir zurück die seligen Zeiten,
Da es immer Sonntag war.

Für die nächste Schöpfungsfrage
Mach ich, Herr, den Vorschlag nun:
Ruhen mögst du sechs der Tage
Und am siebten gar nichts tun.

Eduard von Paulus d.J.

 

 

 

 

Was Gott tut, das ist wohlgetan!
Es bleibt gerecht sein Wille;
Wie er fängt meine Sachen an,
Will ich ihm halten stille.
Er ist mein Gott, der in der Not
Mich wohl weiß zu erhalten,
Drum laß' ich ihn nur walten.

Was Gott tut, das ist wohlgetan!
Er wird mich nicht betrügen,
Er führet mich auf rechter Bahn;
So laß' ich mich bengnügen
An seiner Huld und hab' Geduld,
Er wird mein Unglück wenden,
Es steht in seinen Händen.

Was Gott tut, das ist wohlgetan!
Er wird mich wohl bedenken;
Er, als mein Arzt und Wundermann,
Wird mir nicht Gift einschenken
Für Arzenei; Gott ist getreu,
Drum will ich auf ihn bauen
Und seiner Güte trauen.

Was Gott tut, das ist wohlgetan!
Er ist mein Licht und Leben,
Der mir nichts Böses gönnen kann;
Ich will mich ihm ergeben
In Freud' und Leid; es kommt die Zeit,
Da öffentlich erscheinet,
Wie treulich er es meinet.

Was Gott tut, das ist wohlgetan!
Muß ich den Kelch gleich schmecken,
Der bitter ist nach meinem Wahn,
Laß' ich mich doch nicht schrecken,
Weil doch zuletzt ich werd' ergötzt
Mit süßem Trost im Herzen,
Da weichen alle Schmerzen.

Was Gott tut, das ist wohlgetan!
Dabei will ich verbleiben;
Es mag mich auf die rauhe Bahn
Not, Tod und Elend treiben,
So wird Gott mich ganz väterlich
In seinen Armen halten,
Drum laß' ich ihn nur walten.

Samuel Rodigast


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